Aus der SonntagsZeitung vom 13. April 2008
Die Schlüsselfrage "soll digitales TV nur noch codiert ausgestrahlt werden?"

Swisscable-Chefin Claudia Bolla-Vincenz (links) und Konsumentenschützerin Simonetta Sommaruga (rechts) kreuzen die Klingen
Privat herrscht zwischen den beiden ein respektvoller Umgang. Auch politisch haben die oberste Konsumentenschützerin Simonetta Sommaruga und die Geschäftsführerin von Swisscable Claudia Bolla-Vincenz einiges gemeinsam. So nahmen sie am Freitag in Bern zusammen an der Kundgebung der Frauen-Organisation Alliance F teil zur Unterstützung von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf.
Sobald vom Fernsehen die Rede ist, sind sich Bolla und Sommaruga spinnefeind. Sie haben komplett andere Vorstellungen von der Zukunft des Digitalfernsehens. Während Erstere meint, TV könne nur verschlüsselt ausgestrahlt werden, tritt Letztere vehement dafür ein, dass in einem offenen Standard gesendet wird.
Erklären Sie uns, was die Grundverschlüsselung von TV-Kanälen bedeutet?
Bolla: Ich verwende dazu den Begriff der Adressierung. Verschlüsselt man einen Fernsehkanal bei der Ausstrahlung, kann man bestimmen, an wen man Inhalte sendet. Dies erlaubt es, besser auf Kundenbedürfnisse einzugehen.
Sommaruga: Das hört sich sehr verharmlosend an. Die Cablecom verschlüsselt ihre Sender, um den Kunden zusätzliche Pay-TV-Angebote zu verkaufen, zum Beispiel Sender für Extremsportarten oder Sexfilme. Die Firma nutzt dabei ihre Monopolstellung aus. In erster Linie geht es bei der Verschlüsselung ums Geldverdienen.
Frau Sommaruga, den Ständerat haben Sie vom Verschlüsselungsverbot überzeugt. Im Sommer debattiert der Nationalrat darüber. Wie würde der Zuschauer davon profitieren?
Sommaruga: Bisher brauchte man den Fernseher nur an die Kabelbuchse anzuschliessen, und los ging es. Wer digitale Sender via Kabel empfangen will, für den ist es nicht mehr so einfach. Denn jetzt schalten die Kabelfirmen eine so genannte Settop-Box zwischen Buchse und TV. Im Elektrohandel wären stromeffiziente Boxen günstig zu haben, nur sind diese unbrauchbar, weil sie die Cablecom-Verschlüsselung nicht lesen können. Ein Verbot würde den Settop-Boxen-Markt öffnen.
Bolla: Man darf Settop-Box und Verschlüsselung nicht in denselben Topf werden. Die Box ist dazu da, digitale Inhalte in ein Fernsehbild umzuwandeln. Die Verschlüsselung setzen Kabelfirmen ein, um Fernsehen nach Zuschauerwünschen auszuliefern: Fussball für den Sportfan, den türkischen Sender für die Einwandererfamilie aus Istanbul.
Sommaruga: Sie vertreten auch regionale Kabelfirmen, die ihre Inhalte nicht verschlüsselt ausstrahlen. Es geht also auch ohne.
Bolla: Richtig. 15 Prozent der Kabelzuschauer empfangen unverschlüsseltes Digitalfernsehen.
Wenn das regionale Firmen tun, warum nicht auch die Marktführerin Cablecom?
Bolla: Die Zukunft gehört dem Digitalfernsehen und der Verschlüsselung. TV-Zuschauer wollen immer stärker mit Inhalten interagieren und Programme dann sehen, wenn es ihnen passt, nicht zu vorgeschriebenen Sendezeiten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis alle Kabelfirmen verschlüsselt senden. Erst wenn man weiss, wer auf der anderen Seite der Leitung sitzt, kann man die Möglichkeiten des Digitalfernsehens nutzen und interaktive Dienste bieten.
Sommaruga: Ihre Argumentation ist mir schleierhaft. Die Verschlüsselung ist eine Bevormundung, keine Reaktion auf neue Bedürfnisse. Wer als Cablecom-Kunde auf Digitalfernsehen umsteigen will, wird gezwungen, eine Settop-Box der Cablecom zu beziehen, selbst wenn diese schon im Fernsehgerät eingebaut ist. Das ist absurd. Um den technischen Fortschritt nicht zu behindern, hat man auch in den USA die Verschlüsselung verboten.
Bolla: Vielleicht hilft ein Beispiel: Eine Familie kann ihren Kaffee selber brühen, oder sie kauft eine Kaffeemaschine mit Kapseln. Wichtig ist, dass der Kunde wählen kann. Das kann auch der Kabelnetzkunde. Er wählt zwischen Analog-TV ohne Verschlüsselung und digitalem Fernsehen. Mit Letzterem bekommt er die Box der Kabelnetztbetreiber. Wie die Kapseln bei der Kaffeemaschine ist die Verschlüsselung Bestandteil des Angebotes.
Sommaruga: Da haben Sie ein sehr schlechtes Beispiel gewählt. Wer eine Kaffeemaschine kauft, hat eine Auswahl von fünfzig Produktemarken oder mehr. Das ist beim Kabelfernsehen nicht der Fall. 1,5 Millionen Haushalte haben praktisch nur einen Anbieter: Cablecom. Nur bei den überteuerten Extras hinkt der Vergleich nicht. Der Kaffee ist immer dann am teuersten, wenn der Kaffeemaschinenhersteller dem Kunden vorschreibt, welche Kapseln er verwenden muss. Dem Kunden wird die Wahlfreiheit genommen.
Bolla: Die hat er noch immer. Die Kabelbetriebe schalten das analoge Netz nicht ab. Der Fernsehkunde hat zudem Angebote wie Bluewin TV, Satellit, Antenne oder Web-TV wie Zattoo.
Sommaruga: Sie haben ja selber gesagt, dass dem Digitalfernsehen die Zukunft gehört. Früher oder später muss jeder umsteigen.
Was bringt die Verschlüsselung dem Zuschauer?
Bolla: Die meisten Menschen kommen mit dem technischen Wandel heute nicht mehr zurecht. Nehmen sie den Erfolg der Firma Apple. Ein Grund dafür liegt darin, dass es die kalifornische Computerfirma versteht, Produkte anzubieten, die jedermann und jede Frau versteht. Beim iPod sind die Software und die Hardware perfekt abgestimmt. Das will die Cablecom mit der Verschlüsselung auch erreichen. Wenn bei uns jemand mit einem Settop-Box-Problem anruft, können wir ihm nur helfen, wenn wir sein Gerät kennen.
Sommaruga: Sie unterschätzen die Fähigkeiten vieler Leute. Viele junge, aber auch ältere Menschen haben sich wegen der Verschlüsselung bei mir gemeldet, die sich technisch bestens auskennen.
Bolla: Die Mehrheit der Bevölkerung ist technisch nicht versiert.
Sommaruga: Warum gibt die Cablecom ihren Kunden nicht die Wahl? Wenn Ihr Dienst so wunderbar ist, wird ihn die Mehrheit der Kunden nutzen, und die anderen können ihre eigenen Geräte für den digitalen TV-Empfang kaufen oder sogar selber basteln.
Sie sind sehr auf die Cablecom eingeschossen. Die Swisscom sendet im Internet Fernsehen auch verschlüsselt.
Sommaruga: Das ist wahr. Aber hier wird man eine andere Lösung finden müssen. Schafft man bei Bluewin TV die Verschlüsselung ab, hat man keine Abgrenzung mehr zwischen Fernsehen und Internet. Das ist technisch problematisch. Aber man muss die Relationen sehen. Bluewin TV von Swisscom erreicht heute rund 70 000 Haushalte, die Cablecom total 1,5 Millionen. Wenn die Cablecom argumentiert, dass sie mit gleichen Ellen gemessen werden will, ist das wie der grosse Bruder, der sich darüber beklagt, dass die jüngere Schwester ein Bonbon bekommt und er nicht.
Bolla: Die Swisscom mag wenige Kunden haben. Aber die Firma ist für ihr aggressives Marketing bekannt. Wenn sie Kanäle verschlüsseln darf und wir nicht, ist das Wettbewerbsverzerrung. Dann könnten wir Angebote wie Filmbestellungen aus Online-Bibliotheken vergessen. Ein Verbot wäre übrigens für die Entwicklung des ganzen Fernsehstandorts Schweiz verherrend. Ausserdem erwächst den Kabelbetreibern nicht nur mit der Swisscom neue Konkurrenz. Von den 900 000 Digital-TV-Konsumenten schauen nur 400 000 bei den Kabelunternehmen. Sie, Frau Sommaruga, sind ja das beste Beispiel dafür, dass der Zuschauer Wahlmöglichkeiten hat. Sie schauen zu Hause via Satellit Fernsehen.
Sommaruga: Ja, ich habe Glück gehabt. Aber nicht jeder Haushalt kann eine eigene Satellitenschüssel aufstellen. Tatsache ist, dass wir einen marktbeherrschenden Anbieter-Monopolisten haben, der mit der Verschlüsselung seine Stellung missbraucht. Deshalb muss die Verschlüsselung verboten werden. Wenn wir im Nationalrat keinen Erfolg haben, werden wir als Konsumentenschützer klagen.